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Meine ersten Tage als Erdenbürgerin – Auszug aus Johannas Tagebuch

6 Februar 2010 115 mal gelesen Keine Kommentare Drucken Drucken Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Julia hat, stellvertretend für Johanna, Tagebuch geschrieben. Was sich so alles zwischen der Geburt und dem 30.01.2010 zugetragen hat, das lest ihr hier.

Donnerstag, den 21.01.2010:

Heute wurde ich um 23.09 Uhr im Fürther Klinikum als „Frühchen“ geboren. Ich wog 2175g und war bereits 47cm lang. Meine Eltern gaben mir den Namen Johanna, da er übersetzt „Gott ist gnädig“ heißt. Denn nach einer schwierigen Schwangerschaft kam ich trotzdem relativ gesund zur Welt.

Doch mein Weg aus Mamas Bauch war gar nicht so einfach. Beide mussten wir ziemlich kämpfen. Nachdem Mama seit zwei Tagen Tabletten schlucken musste, ging es dann gegen 17 Uhr mit den Wehen los. Zum Glück kam Papa am gleichen Abend nach getaner Arbeit zu Besuch, so dass die beiden um 18 Uhr in den Kreißsaal kamen. Ich machte es meinen Eltern nicht so leicht. Mama hatte sehr heftige Wehen und Papa konnte es gar nicht mit anschauen.

So musste er zwischendurch immer mal wieder den Kreißsaal verlassen, um nicht umzukippen. Auch Mama erlitt einen Kreislaufkollaps, doch für die letzten Presswehen sammelte sie ihre letzten Kräfte. Eigentlich wollte ich, wenn ich schon so früh aus Mamas Bauch vertrieben wurde, mit Mama und Papa erst mal richtig kuscheln. Aber Mama und Papa durften mich nicht in den Arm nehmen, denn ein Team von Kinderärzten erwartete mich schon. Sofort wurde ich von Mamas Nabelschnur getrennt, ärztlich versorgt und auf die Intensivstation gebracht.

Mama und Papa waren glücklich und erleichtert, dass die Geburt geschafft war und sie auch meinen ersten Schrei gehört hatten. Endlich hatte das Bangen ein Ende, auch wenn sie noch nicht wussten, wie ich mich weiter entwickeln werde. Obwohl es Mama nicht gut ging, wollte sie mich unbedingt noch in derselben Nacht auf der Intensivstation besuchen, um zu erfahren, wie es mir wirklich geht und was die Ärzte bei ihren ersten Untersuchungen festgestellt haben. So hat Papa sie mit dem Rollstuhl vom Kreißsaal auf die Kinderstation gefahren und beide haben nur geweint, als sie mich an so vielen Schläuchen im Inkubator liegen sehen.

Sie durften mich nicht einmal streicheln, weil das bei mir Stress ausgelöst hätte. Alle drei haben wir die gegenseitige  Nähe vermisst. So viele komische piepsende Geräusche hier, überall Kabel und Schläuche an mir dran, im Kopf, in der Nase, im Mund, alles riecht nach Desinfektionsmittel. So viel Licht und fremde Menschen mit Mundschutz und Kittel. Ich fühle mich hier als angekettete Schaufensterauslage. Wann kann ich endlich wieder zurück in Mamas Bauch?

Freitag, den 22.01.2010:

Heute kommen mich Mama und Papa wieder mit dem Rollstuhl besuchen. Mama ist sehr mitgenommen von der Geburt. Sie ist zweimal in der Nacht auf der Toilette zusammen geklappt. Hoffentlich erholt sie sich bald. Mein Zustand hat sich leider verschlechtert. Aufgrund einer Infektion im Fruchtwasser, das zudem in die Lunge gelangte, und einer Lungenentzündung, benötige ich noch mehr externe Sauerstoffzufuhr durch die Schläuche in meiner Nase.

Nicht nur meinen Eltern bereite ich Sorgen, sondern auch den Ärzten. Sie hoffen, dass das Antibiotika bald anschlägt. Mama und Papa können nichts anderes machen als an meinem Bettchen stehen und weinen. Am Abend besuchte mich Mama schon alleine ohne Rollstuhl, wenn auch nur ganz kurz. Doch die Ärzte hatten wieder nichts Positives zu berichten. Das Atmen fällt mir zunehmend schwerer, ich bin einfach so geschwächt von der anstrengenden Geburt und meine Lunge ist noch nicht reif für das Leben draußen, obwohl Mama eine Lungenreifungsspritze für mich bekommen hat. Aber aufgrund der Infektion konnte diese nicht ihre volle Wirkung entfalten.

Samstag, den 23.01.2010:

Heute hat sich mein Zustand noch weiter verschlechtert. Die Ärzte sprechen schon von einem kritischen Zustand. Mama sitzt lange an meinem Bettchen und macht mir Mut. Sie feuert mich beim Atmen an und verspricht mir, dass sie immer in meiner Nähe bleibt, bis ich endlich mit ihr nach Hause zu Papa und meiner Schwester Klara darf.

Am Abend liest sie mir eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Immer wieder erzählt sie mir, was sie gemacht hat und wie es Papa und Klara geht. Doch sie macht sich auch Vorwürfe, was sie in der Schwangerschaft falsch gemacht hat und muss viel weinen. Ich will nicht, dass sie traurig ist. Aber meine Kraft reicht einfach nicht aus, um selbstständig zu atmen und zu essen. Ich bin so schlapp. Doch über meine Magensonde erhalte ich ausschließlich Mamas Muttermilch, die mir sehr gut schmeckt und durch die ich bestimmt bald zu Kräften komme.

Papa hat mir heute zwei Kuscheltiere geschenkt, damit ich nicht so einsam in meinem Inkubator liege, wenn Mama nicht da ist. Die beiden Tierchen riechen nach Mama, da sie diese an ihrem Körper getragen hat, bevor sie in mein Bettchen kamen. Über die Schwestern und Ärzte kann ich mich hier nicht beklagen. Sie kümmern sich super um mich und machen auch mal einen Scherz. Das tut nicht nur mir, sondern auch meinen Eltern gut.

Sonntag, den 24.01.2010:

Heute bin ich 3 Tage alt. Das Atmen fällt mir schon leichter, aber dafür habe ich die Gelbsucht bekommen und muss unter eine blaue UV-Lampe. Doch das ist gar nicht schlimm, das haben ältere und größere Kinder auch oft. Unter der Lampe fühle ich mich wie im Solarium. Blöd ist nur, dass ich so eine coole Sonnenbrille tragen muss, damit die UV-Lampe nicht meinen Augen schadet.

Heute durfte mich Mama zum ersten Mal streicheln. Sie hat vorsichtig ihre Hand auf meinen Rücken gelegt und mir Kinderlieder vorgesungen. Langsam geht es aufwärts. Auch Papa war am Nachmittag zu Besuch. Er nutzt es aus, dass Wochenende ist, denn ab morgen liegt wieder eine lange Arbeitswoche vor ihm und er kann mich nicht besuchen kommen, weil er sich nach der Arbeit um meine Schwester Klara kümmern muss. Aber wenn ich mit Mama nach Hause komme, nimmt er sich Urlaub und wir haben erst mal viel Zeit zu viert als Familie. Diese Vorstellung spornt mich an und ich freue mich schon riesig darauf.

Montag, den 25.01.2010:

Heute können Mama und Papa erleichtert aufatmen. Die Ärzte bestätigen, dass ich „über dem Berg“ bin. Ich trinke jetzt pro Mahlzeit schon 14ml. Mama hat heute sehr viel Zeit bei mir verbracht. Sie hat zugeschaut, als ich von den Schwestern versorgt wurde. Mit Hilfe von zwei Einläufen funktioniert meine Verdauung auch endlich. Das Highlight des Tages war heute, dass ich am Abend eine Stunde bei Mama kuscheln durfte. Die Schläuche mussten zwar alle dran bleiben und die Maschinen haben sehr oft gepiepst. Aber es hat trotzdem gut getan, Haut an Haut, auf ihrem nackten Oberkörper unter vielen Fellen und Decken zu liegen. Das war an meinem vierten Lebenstag wirklich notwendig. Zudem habe ich es heute sogar geschafft, 4ml Muttermilch aus der Flasche zu trinken. Den Rest habe ich über die Magensonde erhalten. Ich weiß nicht, ob ich Mama oder Papa ähnlich schaue. Das kann man jetzt noch nicht sagen, aber ich habe dunkle Locken (eindeutig von Papa) und lange Finger und Zehen (von Mama). Leider habe ich weiter abgenommen und wiege nur noch 1950g.

Dienstag, den 26.01.2010:

Heute geht es mir wieder ein Stück besser, auch wenn ich weiterhin unter der UV-Lampe liegen muss und aufgrund der Augenklappe nichts von der Außenwelt sehen kann. Doch dafür brauche ich seit heute den „Elefantenrüssel“ zur Beatmung nicht mehr. Auch die Infusion konnten die Ärzte reduzieren.

Mittlerweile trinke ich schon 20ml pro Mahlzeit. Teilweise per Flasche, teilweise per Sonde. Auch heute durfte ich mit Mama wieder „känguruhn“. Papa vermisse ich sehr. Mama hat erzählt, dass er morgen vielleicht auf einen Sprung vorbei kommt, ansonsten erst am Wochenende. Am Abend wollten Mama und ich ein weiteres Mal kuscheln, doch da es Johannis – meinem Zimmergenossen – so schlecht ging und die ganze Zeit Ärzte in unserem Zimmer waren, musste das Kuscheln ausfallen.

Auch ich schaffe es am Abend doch nicht ohne „Elefantenrüssel“ und benötige wieder zusätzlichen Sauerstoff. Dafür hat mich Mama heute zum ersten Mal gewickelt und das unter erschwerten Bedingungen im Inkubator. Zudem hat sie mich frisiert, mir mein Gesicht gewaschen, eingecremt und mich gekämmt. Sie hat lange dafür gebraucht, aber sie hat es richtig gut gemacht.

Mittwoch, den 27.01.2010:

Heute hat mich Mama ohne große Erwartungen besucht, da sie Angst vor Enttäuschungen hatte. So langsam bekommt sie auch einen Krankenhauskoller und möchte nur noch mit mir nach Hause. Aber ich muss noch einiges lernen, bevor ich heim darf. Doch heute habe ich es wirklich den ganzen Tag ohne Elefantenrüssel geschafft. Die UV-Lampe werde ich noch weiterhin benötigen, denn der Gelbsuchtwert ist eher noch gestiegen.

Heute Vormittag durfte ich mit Mama wieder känguruhn, aber nur eine halbe Stunde, denn dann haben sich meine Werte wieder verschlechtert. Irgendwie war ich heute den ganzen Tag über ziemlich schlapp und am Abend hat sich meine Temperatur auch noch erhöht. Hoffentlich habe ich mir nicht schon wieder etwas Neues eingefangen.

Da Mama morgen von der Wochenstation entlassen wird, zeigt ihr eine P1-Schwester ihr Zimmer im Schwesternwohnheim. Mama nimmt wirklich einiges auf sich, um immer bei mir sein zu können. Ihr Zimmer ist aus den 60ern und besteht aus einem Sofa und einem Schrank. Die Schwester hat berichtet, dass die Mütter es dort nie lange ausgehalten haben. Das kann Mama sehr gut nachvollziehen, aber aus Liebe zu mir wird sie hoffentlich durchhalten, auch wenn es sehr schwer werden wird. Am Abend kam mich heute Papa endlich mal wieder besuchen. Er hatte sich schon so aufs Kuscheln gefreut, aber ich habe heute meinen ganzen Zeitplan durcheinander gebracht, so dass ich geschlafen habe, als er kam und das Kuscheln ins Wasser fallen musste.

So hat mir Papa ein bisschen beim Schlafen zugeschaut und Mama hat später mit mir gekuschelt. Ich liebe es, ihre warme Haut zu spüren, ihren Herzschlag und ihren Atem. Das beruhigt mich. Heute ist Mama beim Kuscheln öfters Mal eingenickt. Vom Abpumpen und mich besuchen und nicht schlafen können im 3-Bett-Zimmer mit zwei Babys ist sie völlig erschöpft und übermüdet. Heute habe ich zum ersten Mal meine Augen richtig geöffnet und Mama inspiziert.

Donnerstag, den 28.01.2010:

Heute werde ich eine Woche alt und ich habe in dieser Woche schon einiges gelernt und fühle mich viel kräftiger als vor einer Woche. Ich habe zwar weiterhin abgenommen, aber ich spüre neue Kräfte und werde bestimmt bald zunehmen.

In der Früh konnte Mama zum ersten Mal ganz ohne zusätzliche Sauerstoffzufuhr mit mir kuscheln. Da ich mal wieder meine Infusion am Arm kaputt gemacht habe, bekam ich heute eine neue in den Kopf. Das schaut ein bisschen schrecklich aus, aber es tut nicht mehr weh als am Arm oder Fuß. Als mich Mama am Nachmittag besuchte, lag ich plötzlich in einem anderen Zimmer. Nicht nur Mama ist heute umgezogen, von der Wochenstation ins Schwesternwohnheim, sondern auch ich, vom Intensivzimmer der „Kleinsten“ zu den „Größeren“. Denn es geht mir wieder ein ganzes Stück besser. Ich brauche keinen Sauerstoff mehr und trinke jetzt schon 30ml (Flasche und Sonde). Meine Magensonde wurde mir heute vom Mund in die Nase verlegt, da ich ja keine Beatmung mehr brauche und mir das Trinken aus der Flasche leichter fällt, wenn die Magensonde statt im Mund in der Nase steckt.

Außerdem besuchte mich heute Oma Marliese. Ich habe mich über ihren Besuch gefreut, aber ich konnte sie gar nicht anschauen, da ich immer noch meine coole Sonnenbrille trage. Zudem habe ich in meinem Inkubator geschlafen, als sie an meinem Bettchen saß. Mama pumpte währenddessen ihre Muttermilch ab, damit ich immer genug Vorrat habe. Da Mama so viel Milch hat, frieren die Schwester diese schon ein. Am Abend durfte ich wieder mit Mama eine gute Stunde kuscheln. Es hat so gut getan und auch ich würde jetzt schon gerne nach Hause gehen. Ich bin schon so gespannt auf meine große Schwester Klara. Aber ich muss endlich mal zunehmen. Heute habe ich zumindest mein Gewicht gehalten.

Freitag, den 29.01.2010:

Heute wird mein Papa 35 Jahre alt und ich kann ihm gar nicht gratulieren, weil er arbeiten muss. Dafür habe ich für ihn ganz viele tolle Neuigkeiten: Ich habe seit heute keine Infusion mehr und diese wird auch nicht mehr neu gestochen, wenn ich meinen Blutzucker in den nächsten Tagen konstant halten kann. Auch die UV-Lampe benötige ich nicht mehr.  Zudem habe ich heute zum ersten Mal zugenommen. Jetzt wiege ich 1980g. Weiterhin habe ich heute die Magensonde gar nicht mehr gebraucht. Ich trinke jetzt schon richtig gut aus der Flasche, meistens 30-40ml.

Am Abend hat Mama versucht, mich zum ersten Mal an ihre Brust anzulegen. Ich war ganz aufgeregt und hatte mich riesig gefreut, doch letztendlich war ich dann doch zu müde und wollte nichts mehr trinken, so dass die Schwester mir wieder ein Fläschchen gegeben hat. Mama war ziemlich frustriert und enttäuscht, dass es mit dem Stillen nicht geklappt hat. Doch ich bin mir sicher, dass Mama und ich das schon noch hinbekommen werden. Es kann nur einiges an Kraft und Zeit kosten. Mama ist einfach mal wieder zu ungeduldig. Heute früh waren auch die Physiotherapeuten zum ersten Mal bei mir. Ich habe es genossen, massiert zu werden und Entspannungsübungen durchzuführen. Die meiste Zeit habe ich dabei geschlafen. Doch diese Anwendung hat mir sehr geholfen, wieder entspannter atmen zu können. Die Physiotherapeuten kommen besuchen mich täglich von Montag bis Freitag.

Samstag, den 30.01.2010:

Heute war wirklich ein toller Tag, denn Papa hat mich heute zum ersten Mal auf den Arm genommen und mit mir ausgiebig gekuschelt. Zudem durfte ich heute zum ersten Mal außerhalb des Inkubators gewickelt werden und Mama hat wieder versucht, mich zu stillen. Es hat auch super funktioniert, ich habe jeweils am Morgen und am Abend 30ml getrunken, doch es war so anstrengend für mich, dass ich den ganzen Tag nur schlafen und mich erholen wollte.

Mama darf mich noch nicht zu jeder Mahlzeit stillen, sonst würde ich abnehmen, weil es mich so viel Kraft kostet. Doch jede dritte Mahlzeit ist Mama gefragt. Zu den anderen Mahlzeiten trinke ich meine 40ml von Mamas abgepumpter Muttermilch aus der Flasche. Das strengt mich weniger an. Papa hat mich dann am Nachmittag zum ersten Mal gewickelt und mir die Flasche gegeben. Endlich konnte ich mal mit Papa kuscheln. Auch Opa Leo und Oma Marliese waren mich heute besuchen. Sie finden mich süß und richtig winzig, aber sind auch froh, dass es mir so weit gut geht. Gespannt bin ich auch auf meine Schwester Klara, doch sie kann mich nicht besuchen, da sie Husten und Schnupfen hat. Aber wenn sie wieder gesund ist und ich ein bisschen mehr Kraft habe, freue ich mich schon darauf, mit ihr zu kuscheln. Morgen ist zum Glück Sonntag, immer noch Wochenende, so dass Papa mich wieder besuchen kommen kann, um mit mir zu kuscheln und mich zu pflegen.

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