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Teil II: Meine ersten Tage als Erdenbürgerin – Auszug aus Johannas Tagebuch

7 Februar 2010 122 mal gelesen Keine Kommentare Drucken Drucken Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Sonntag, den 31.01.2010:

Heute Vormittag konnten Mama und Papa mich wieder gemeinsam besuchen, während Klaras Pate Alex auf meine große Schwester Klara aufgepasst hat. Papa hat mich wieder gewickelt und anschließend wollte mich Mama stillen, aber heute war ich den ganzen Tag ziemlich schlapp und schläfrig. So hatte ich keine Kraft aus Mamas Brust die gute Milch zu saugen und bekam sie so eben durch die Flasche. Papa hat versucht, mir die Flasche zu geben, aber auch das Schlucken fiel mir schwer, viel Milch ist daneben gelaufen, auch die Schwester hatte nicht viel mehr Erfolg. Dafür durfte mich Mama dann am Nachmittag stillen und da habe ich 35ml aus ihrer Brust getrunken. Am späten Abend ebenfalls. Doch jede Mahlzeit würde ich niemals schaffen, aus ihrer Brust zu saugen, denn ich habe einfach noch keine Muskeln in den Backen und verbrauche dadurch auch viel zu viele Kalorien. Heute wurde ich wieder gewogen. Ich wiege schon wieder weniger als vor 2 Tagen. So wird es irgendwie nichts mit dem zunehmen und dem nach Hause kommen, obwohl ich mich so anstrenge. Ich schaue heute auch wieder recht gelb aus. Hoffentlich ist mein Bily-Wert nicht schon wieder gestiegen.

Montag, den 01.02.2010:

Als Mama heute Morgen auf die Intensivstation kam, war sie ziemlich geknickt, denn ich lag wieder mit einer coolen Augenklappe (die diesmal nicht durch Fürther Kleeblätter, sondern durch Herzen aufgeklebt war) unter der UV-Lampe. Die Gelbsucht hat mich nämlich zum zweiten Mal erwischt. Doch Mama hatte das ja gestern schon befürchtet. Außerdem habe ich schon wieder eine Magensonde in der Nase, weil ich nachts keine Kraft zum Trinken hatte. Nicht mal zum Schlucken war ich fähig. Aber die gute Nachricht ist, dass mich Mama trotz Magensonde stillen darf, aber wieder nur jede 2.-3. Mahlzeit, da ich sonst zu schlapp werde. Mama wollte heute auch bei der Visite dabei sein. Die Ärzte waren trotz dem Rückschritt heute recht zuversichtlich, was meinen Gesundheitszustand anbelangt. Schon um Mitternacht wollen sie die UV-Lampe wieder entfernen und morgen erneut den Gelbsuchtwert per Blutuntersuchung abnehmen. Die Magensonde bleibt erst mal liegen, da ich doch hin und wieder keine Kraft zum Trinken habe und eigentlich schleunigst zunehmen müsste. Mama konnte es nicht lassen, heute zu fragen, wann sie mich mit nach Hause nehmen darf. Die Ärztin Frau Dr. Neustädter meinte, wenn ich 2300g wiege und selbstständig essen und meine Temperatur halten kann. Das spornte mich an, am Vormittag an Mamas Brust 50ml zu trinken. Die Schwestern konnten es gar nicht glauben. Oder hatte mich die Physiotherapeutin so müde gemacht? Ihre Atem- und Entspannungsübungen haben mir richtig gut getan. Am Nachmittag hatte ich dann die U2 und am Mittwoch kommt der Augenarzt zu mir.

Am Nachmittag wollte mich Mama eigentlich besuchen, um mich zu wickeln und mir die Flasche zu geben. Doch sie kam nicht. Am Abend wusste ich dann, warum. Mama quälte sich zum Abendessen auf die P1, obwohl sie Schüttelfrost und Magenkrämpfe hatte. Nach dem Abendessen ging es ihr so schlecht, dass sie sich auf der P1 im Elternzimmer aufs Sofa gelegt hat. Sie schaffte es nicht, zu mir zu kommen, um mich zu stillen, obwohl sie sich schon so darauf gefreut hatte. Ihr ging es immer schlechter. Sie hatte Schüttelfrost, ihr war speiübel und schwindelig und sie hatte schon drei Mal Durchfall, bevor sie sich an die Schwestern und Ärzte der P1 wendete. Sie rief auch Papa gleich an, der auch kam und sie mit dem Rollstuhl in die Notaufnahme brachte. Mama hätte es nicht zum Auto geschafft. Sie hat auch Fieber bekommen und konnte sich kaum im Rollstuhl halten. In der Notaufnahme hat sie dann das Mittag- und Abendessen erbrochen und bekam gleich Infusionen. Die Ärzte haben gemeint, dass sie hier bleiben muss, weil ein Verdacht auf Noro- oder Rotaviren besteht. Sie muss gegen das Erbrechen und den Durchfall behandelt werden und muss vor allem den Kontakt zu anderen meiden. Nach 4 Stunden in der Notaufnahme (Mama hat gedacht, sie kommt dort um, weil die Schwestern so unfreundlich und alles so schmuddelig und veraltet war) kam Mama auf Station in Einzelzimmer, da sie ja ansteckend war. Das war ihr Glück, denn dort lagen wegen Überfüllung mindestens 8 Patienten auf dem Gang, wie vor 50 Jahren im schlechten Film. Doch Mama konnte nicht lange darüber nachdenken, es ging ihr einfach zu schlecht, sie hatte keine Kraft mehr. Doch mit Hilfe von Schmerzmitteln, Tropfen gegen die Übelkeit und Infusionen hat sie die Nacht irgendwie überstanden. Hier auf der Station wurde Mamas ganze Muttermilch von heute weggeschüttet und auch in den nächsten Tagen darf ich erst mal nichts von ihrer Milch trinken. Die Ansteckungsgefahr wäre zu gefährlich. Ich vermisse Mama schon jetzt und mache mir Sorgen um sie.

Dienstag, den 02.02.2010:

Heute war Papa in der Früh und am Abend kurz bei mir, weil er Mama im Krankenhaus besucht und ihr einige Sachen gebracht hat. Er musste sich mumifizieren, mit Kittel, Maske und Handschuhe und nicht zu nah an Mama herangehen. Mit küssen und umarmen war da gar nichts. Als er dann zu mir kam, hat er mich lieber nicht aus dem Bettchen genommen, um mich ja nicht anzustecken. Doch ich konnte ihm eine große Freude bereiten, denn seit heute wiege ich 2000g und ich hoffe, dass ich die auch halten kann. Da Mamas Milch von gestern ja weggeschüttet wurde und sie ihre Milch auch noch in den nächsten Tagen wegschütten muss, bekomme ich Mamas eingefrorene Muttermilch. Zum Glück hatte sie die ganze Zeit so viel Milch, dass die Gefriertruhe hier voll ist. Damit komme ich schon noch eine ganze Weile über die Runden und Mama kommt hoffentlich bald wieder auf die Beine. Heute geht es ihr schon ein Stück weit besser. Die Medikamente und Infusionen haben angeschlagen, doch Fieber hat sie noch und sie fühlt sich sehr schwach. Ihr Körper ist ausgelaugt. Bei mir haben sie aus Vorsorge gleich mal ein großes Blutbild gemacht. Alle hatten Angst, dass ich mich über Mama auch schon angesteckt habe, doch zum Glück war alles in Ordnung. Ich vermisse Mama, aber ich strenge mich trotzdem an, weiterhin gut zu trinken, damit sie sich über meine Fortschritte freuen kann. Seit heute habe ich auch keine UV-Lampe mehr. Doch die Magensonde brauche ich noch, denn alleine schaffe ich es noch nicht, meine Mahlzeiten aufzuessen.

Mittwoch, den 03.02.2010:

Heute gibt es nicht viel Neues. Ich habe viel geschlafen und Mama vermisst. Meine Mahlzeiten habe ich teilweise getrunken und teilweise mit der Sonde zugeführt bekommen. Ich muss ständig an Mama denken und hätte sie so gerne wieder an meiner Seite. Doch sie ist immer noch ansteckungsgefährdend und liegt im Krankenhaus. Sie verbringt den Tag mit Stricken, Schlafen und Fernseher schauen, in der Hoffnung, dass die Zeit schnell vergeht. Es tut ihr weh, alle 4 Stunden eine Stunde Milch abzupumpen und diese dann in den Ausguss zu schütten. Durch den Virus wird ihre Milch auch immer weniger. Doch sie gibt nicht auf und pumpt fleißig weiter. Wäre doch gelacht, wenn sie mich nicht mehr stillen könnte. Sie zerbricht sich darüber den Kopf, will aber gar nicht daran denken. Hoffentlich wird sie morgen entlassen und kommt mich dann gleich besuchen.

Donnerstag, den 04.02.2010:

Heute war mal wieder nicht so mein Tag, obwohl ich jetzt schon 2 Wochen alt bin. Ich war den ganzen Tag müde und schlapp und wollte nicht mehr als 20ml trinken. So habe ich mittags eine Infusion bekommen, denn mein Bauch war aufgebläht und es wäre nicht gut gewesen, wenn die Schwestern gegen meinen Willen mir Mamas Muttermilch über die Magensonde zugeführt hätten. Deshalb haben die Ärzte beschlossen, mir erneut eine Infusion zu legen. Antibiotika bekomme ich aber nicht, mein Blutbild ist zum Glück in Ordnung. Am Abend habe ich dann auch schon wieder besser getrunken (40ml). Außerdem wiege ich jetzt schon 2040g. Aber dafür ist Mama heute endlich wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ihr geht es so weit gut, sie hat nur noch ein bisschen Magenkrämpfe und Kopfschmerzen. Sie war auch am Nachmittag auf der P1, um sich nach mir zu erkundigen, doch sie durfte nicht zu mir ins Zimmer. Sie muss weiterhin ihre abgepumpte Muttermilch abpumpen und sich von mir fernhalten, noch bis Samstag. Das ist nicht nur schwer für mich, dass ich hier so einsam liege und alle um mich herum Besuch bekommen, nur ich nicht, doch für Mama ist es auch eine entsetzlich schwere Situation. Sie darf mich nicht besuchen, muss ihre Muttermilch insgesamt 5 Tage wegschütten und darf auch nicht nach Hause fahren, weil sie da Klara anstecken könnte, die sie auch seit Sonntag nicht mehr gesehen hat. Aber Mama hat einen starken Willen. Sie schafft das schon und kann es wahrscheinlich kaum erwarten, mich am Samstag zu besuchen. Vielleicht bin ich ja gut drauf und sie darf mich auch gleich stillen. Mal abwarten.

Freitag, den 05.02.2010:

Mama darf heute immer noch nicht zu mir ins Zimmer, aber ich kann ihre Stimme auf dem Gang hören, wenn sie zum Essen kommt und um sich einen Stilltee zu kochen. Frau Dr. Neustätter hat sie heute Morgen aber trotzdem mit zu mir an den Inkubator genommen, doch ich habe geschlafen. Aber Mama war glücklich, mich mal wieder zu sehen und war froh, dass ich so entspannt in meinem Inkubator lag. Mir geht es heute ganz gut, ich habe meine Mahlzeiten immer per Flasche und Sonde getrunken. Wenn das so bleibt, bekomme ich morgen die Infusion auch wieder weg. Die Augenarztuntersuchung am Mittwoch war eigentlich unauffällig, nur durch den Druck auf die Augen durch die Beatmungsschläuche ist der Augendruck noch etwas verändert, so dass meine Augen nächsten Mittwoch nochmals kontrolliert werden müssen.

Als Mama am Abend kam, um sich nach mir zu erkundigen, hatte die Schwester positive Nachrichten parat. Ich habe nämlich seit Nachmittag keine Infusion und keine Magensonde mehr. Morgen soll ich vielleicht auch vom Inkubator in ein Wärmebettchen kommen. Mache ich nicht große Fortschritte? Ich kann es nämlich langsam auch nicht mehr erwarten, entlassen zu werden. Die Schwestern und Ärzte sind hier zwar alle sehr nett, aber ich will endlich bei Mama, Papa und Klara sein. Doch Klara und Papa sind seit heute krank. Papa hat auch die Magen-Darm-Grippe mit Fieber und Übelkeit. Er war sogar nicht in der Arbeit und dann muss es wirklich schlimm sein. So kommen die beiden Mama und mich gar nicht besuchen. Mama ist darüber sehr traurig, aber wir müssen positiv denken, wenigstens dürfen Mama und ich uns ab morgen wieder sehen und miteinander kuscheln. Ich kann immer nur wieder sagen, dass ich Mama schrecklich vermisse, aber nur noch einmal schlafen, dann streichelt sie mich wieder und kuschelt mit mir. Vielleicht darf ich auch an ihrer Brust trinken, wenn ich in der Nacht gut aus der Flasche getrunken habe.

Samstag, den 06.02.2010:

Heute ist ein großer Tag für mich, denn Mama darf mich endlich wieder besuchen und muss ihre Muttermilch nicht mehr wegschütten. Die frische Milch von Mama schmeckt halt doch besser als ihre eingefrorene Milch. Außerdem konnte ich sie heute wieder riechen, spüren und sehen. Mama konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil sie schon so aufgeregt war. Um 6 Uhr war sie bereits bei mir. Sie durfte der Schwester beim Waschen helfen und Mama hat nur so gestaunt, welche Überraschungen ich heute für sie parat hatte. Das Baden hat mir sehr gut gefallen, ich konnte mich so richtig entspannen. Außerdem ist nach dem Baden der Rest Nabelschnur abgefallen. Ich sehe jetzt schon wie ein „richtiges“ Baby aus, denn ich habe keine Schläuche mehr, nur noch die Elektroden zur Überwachung. Nach dem Baden wurde ich nackt gewogen und heute wiege ich schon 2135g (fast mein Geburtsgewicht). Mama kann es gar nicht glauben. Dann durfte ich endlich wieder an Mamas Brust trinken. Ich hatte mich so darauf gefreut, dass ich 60ml getrunken habe. So viel habe ich noch nie per Sonde oder Flasche getrunken. Hoffentlich verträgt das mein Bauch! Aber es war einfach so lecker und schön bei Mama. Anschließend bin ich gleich auf Mamas Bauch eingeschlafen und habe von zu Hause geträumt. Danach durfte mich Mama ins Wärmebettchen legen und nicht mehr in den Inkubator. Ich bin jetzt schon eine „Große“. Mal schauen, wann ich wieder aufwache und Hunger bekomme, aber jetzt bin ich erst mal so richtig zufrieden. Mama ist überglücklich, weil sie das Gefühl hat, bald mit mir entlassen zu werden. Doch sie darf nicht zu viel erwarten, denn schließlich hat sie schon öfters die Erfahrung machen müssen, dass es auch ab und zu wieder einen Schritt rückwärts geht. Aber heute genießt sie das Hochgefühl, denn schließlich ist es für sie schlimm genug, dass Papa und Klara zu Hause krank im Bett liegen und sie uns nicht besuchen können.

Auch mittags hat das Stillen wie geschmiert geklappt. Mama hat neben mir gestrickt bis ich aufgewacht bin und dann durfte sie mich wickeln. Da ich nach dem Fiebermessen in hohem Bogen nochmals Stuhlgang „geschossen“ habe, durfte sie mich anschließend nochmals komplett umziehen. Ich muss Mama doch gleich mal ein bisschen herausfordern. Mama hatte dann noch die Möglichkeit mit den Ärzten zu sprechen. Sie waren ganz begeistert von mir und haben gesagt, dass sie für Ende nächster Woche meine Entlassung planen, falls es weiterhin so bergauf geht. Das wäre echt spitze! Ich strenge mich auch wirklich an. Bei Mama habe ich dann wieder 60ml an der Brust getrunken. Mama hat zwei Neuigkeiten bezüglich der Babypflege gelernt. Wenn man die Haare gegen die Wuchsrichtung kämmt, dann fördert das das Haarwachstum (ist vielleicht auch ein Tipp für Männer mit schütterem Haar J). Außerdem kann man Babys, die Bauchweh haben, auch einfach eine heiße Kompresse in die Windel auf den Unterbauch legen, das hilft oft mehr als ein Kirschkernkissen. Nach dem Stillen war ich wieder völlig platt und bin gleich eingeschlafen.

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