Teil III: Meine ersten Tage als Erdenbürgerin – Auszug aus Johannas Tagebuch
Sonntag, den 07.02.2010:
Auch heute hatte ich den ganzen Tag viel Hunger und habe es genossen, dass Mama zu jeder Mahlzeit mit ihrer Brust da war. Sie wurde heute sogar zweimal von den Schwestern angerufen, da ich schon eher als geplant Hunger hatte. Ich habe einfach so viel zum Nachholen! Zum Glück wohnt Mama hier immer noch auf dem Klinikgelände, so dass sie in 5 Minuten bei mir sein kann. Doch sie würde viel lieber zu Hause wohnen, gerade jetzt, wo Peter und Klara krank zu Hause liegen und sie ihnen nicht helfen kann. Aber jetzt ist es ja nicht mehr lange, bald können wir endlich die Intensivstation P1 verlassen. Wahrscheinlich nächstes Wochenende, wenn nichts mehr dazwischen kommt. Mama freut sich auch schon!
Heute früh habe ich, nachdem mich Mama frisch angezogen hatte, alles wieder voll gepieselt. Mama ist einfach nicht mehr so geübt J. Mittags kam ich dann in den Schlafsack, um auszuprobieren, ob ich meine Wärme halten kann. Noch ist mein Bettchen beheizt, aber man versucht jeden Tag die Temperatur zu reduzieren, denn zu Hause schlafe ich ja auch im Schlafsack in einem unbeheizten Bett. Ansonsten gibt es nicht viel Neues. Ich trinke viel und schlafe eigentlich den ganzen Tag. Wenn ich morgen gewogen werde, habe ich bestimmt wieder zugenommen.
Montag, den 08.02.2010:
Heute war Mama wieder um 6.15 Uhr bei mir und Schwester Elke sagte ihr gleich, dass sie mich heute zum ersten Mal alleine baden darf. Ich liebe es zu baden, da kann ich mich immer richtig entspannen. Mama hat es wirklich gut gemacht, auch wenn sie ziemlich aufgeregt war. Vor dem Baden wurde ich nackt gewogen und stellt euch vor, heute habe ich endlich mein Geburtsgewicht überschritten und wiege genau 2200g. Mama war richtig stolz auf mich und glücklich, weil jedes Gramm mehr auf der Waage ein Schritt auf die Entlassung zu ist. Nach dem Baden war ich leider so müde, dass ich nur noch wenig Kraft zum Trinken hatte, aber da Mama ja immer in der Nähe ist, ist das kein Problem, wenn ich nach 2 Stunden schon wieder Hunger habe. Während des Vormittags bekam ich wieder Krankengymnastik und außerdem bekam Mama eine Einweisung in den Überwachungsmonitor, den wir mit nach Hause bekommen. Die nächsten 24 Stunden bin ich jetzt an zwei Monitoren parallel angeschlossen, damit alle sicher gehen können, dass das Gerät für zu Hause gut funktioniert. Das Gerät ähnelt dem, das Klara hatte. Bei der Visite erfuhr ich, dass meine Entlassung für Freitag geplant ist. Aber bevor ich entlassen werden kann, müssen Mama und Papa ein Reanimationstraining mitmachen, damit sie Bescheid wissen, was sie tun sollen, wenn ich das Atmen vergesse. Dieses Training können Mama und Papa am Freitag machen. Nur noch vier Mal schlafen und dann darf ich nach Hause. Ich kann es noch gar nicht glauben. Soweit geht es mir gut, ich traue mir zu, nach Hause zu gehen, nur kann ich meine Körpertemperatur noch nicht halten, aber das wird bis Freitag bestimmt besser. Mama hat mich heute alle drei Stunden wickeln und stillen müssen. Zwischendrin hat sie versucht, sich ein bisschen hinzulegen und Abschiedsgeschenke für die Schwestern zu kaufen. Am Abend habe ich Mamas Pullover in hohem Bogen voll gekackt, so dass sie sich umziehen musste. Klara und Peter waren uns schon so lange nicht mehr besuchen, aber sie liegen zu Hause immer noch mit Magen-Darm-Grippe flach. Doch bald sehen wir uns alle vier, Mama und ich können es gar nicht mehr erwarten.
Dienstag, den 09.02.2010:
Heute gibt es nicht so viel von mir zu berichten. Ich habe eigentlich den ganzen Tag nur gegessen und geschlafen. Mama war alle 3-4 Stunden bei mir, um mich zu stillen, von 6.15 Uhr bis 23.30 Uhr. Zwischendurch haben wir auch gekuschelt und ich genieße es, Mama noch ganz für mich zu haben. Sie erzählt mir viel von Papa und Klara und dass sie schon ein bisschen Angst hat, wie es zu Hause wird. Dort werden wir nicht so viel Ruhe beim Stillen haben und Klara muss mich erst mal kennenlernen und verstehen, dass ich noch viel Fürsorge und Zeit benötige. Aber Papa hat sich die nächsten beiden Wochen Urlaub genommen, damit wir als Familie zusammenwachsen können und sich hoffentlich alles ein bisschen einspielt. Eine Neuigkeit gibt es doch noch. Heute früh war die Krankengymnastin da und hat schon mit der Abschlussuntersuchung begonnen, denn nur noch dreimal schlafen und es geht nach Hause. Soweit bin ich eigentlich recht fit, aber sie würde trotzdem empfehlen, zu Hause regelmäßig Krankengymnastik zu machen. Morgen früh werde ich wieder gewogen und Mama hofft so, dass ich wieder zugenommen habe. Aber bei Mamas Milch bestimmt! Klara ist ja auch in wenigen Wochen von Mamas Milch rund geworden J. Trotz Wärmebettchen habe ich etwas Probleme meine Temperatur zu halten. Die Schwestern und Mama haben mir jetzt dicke Socken und einen zweiten Pullover angezogen, damit ich wirklich am Freitag nach Hause darf. Hoffentlich können sie bald das Wärmebettchen ausschalten, denn sonst müssen wir noch länger bleiben.
Mittwoch, den 10.02.2010:
Als Mama heute um 6.15 Uhr zu mir kam, habe ich noch richtig fest geschlafen. So haben wir gemeinsam bis 7.30 Uhr gekuschelt. Als ich endlich wach wurde, durfte mich Mama wieder ganz alleine baden. Sie fühlt sich jetzt schon ziemlich sicher im Umgang mit mir und möchte so schnell wie möglich nach Hause. Nur noch zweimal schlafen und dann holt uns Papa ab. Ich kann es kaum erwarten und Mama auch nicht. Wir haben jetzt schon 11 Tage lang Klara und Papa nicht mehr gesehen. Papa hat viel um die Ohren und Mama fühlt sich etwas überflüssig und einsam. Es wird wirklich Zeit, dass Mama und Papa wieder mal ein bisschen Zeit für sich haben.
Mir geht es wirklich schon richtig gut. Außer das mit der Temperatur klappt noch nicht so. Als mich Mama heute früh ausgezogen hat, hatte ich zwei Hosen, zwei Pullis und Socken im Schlafsack an, weil meine Körpertemperatur heute Nacht so gesunken ist, obwohl ich noch im Wärmebettchen liege. Das muss unbedingt noch besser werden, sonst dürfen wir nicht nach Hause. Aber kein Wunder, ich bin sehr lang, habe viel Oberfläche, aber kaum Gewicht. Der Speck, der wärmt, fehlt einfach. Aber ich habe heute mein Bestes gegeben und ganz viel von Mama getrunken. Immer zwischen 60 und 80ml. Und vor dem Baden wurde ich nackt gewogen. In den letzten beiden Tagen habe ich 70g zugenommen. Die Ärzte und Schwestern sind begeistert. Sie meinen ich bin ein Vorzeigebaby. Ich bin auch ziemlich brav, da ich viel schlafe und kaum schreie, nur wenn ich Hunger habe, muss ich mich melden. Mama ist so froh, dass das mit dem Stillen so gut klappt und mein Zustand immer stabiler wird. Sie leidet nur schon an chronischem Schlafmangel, weil sie stets abrufbar sein muss und doch einen relativ langen Fußweg zu mir hat. Aber bald ist das auch vorbei, dann schlafe ich im Beistellbett ganz nah bei ihr. Heute hatte ich viel Besuch. Am Vormittag war die Krankengymnastin da, aber sie hat aufgegeben, da ich so müde war. Es war einfach nicht meine Zeit, als sie da war. Ich habe im Moment einen ganz komischen Rhythmus, ganz anders als die anderen Kinder. Weil ich so viel auf einmal trinken kann, halte ich länger durch. Am Nachmittag kam dann der Augenarzt. Davor wurden meine Pupillen dreimal weitgetropft. Das war nicht so angenehm, aber Mama hielt mich auf dem Arm und hat mich getröstet. Soweit ist alles in Ordnung, nur auf dem einen Augen noch Blutgerinnsel, die beobachtet werden müssen. Krankengymnastik soll ich zu Hause weiterhin in Anspruch nehmen, dass meine Muskeln gestärkt werden.
Donnerstag, den 11.02.2010:
Heute wurde ich genau 3 Wochen alt und es wird wirklich Zeit, dass Mama und ich nach Hause kommen, denn es geht mir gut und Mama und ich sind ein gutes Team. Ich habe heute zu jeder Mahlzeit 70-85ml von Mamas Brust getrunken, obwohl ich nur 60ml trinken müsste. Aber ich will morgen bei der Abschlussuntersuchung allen Schwestern und Ärzten zeigen, dass ich schon 2300g wiege und gut mitgearbeitet habe. In der Früh wurde Mama schon um 5.45 Uhr von Schwester Ramona angerufen, weil ich Hunger hatte. Sie stand gerade unter der Dusche und geriet ein bisschen in Stress, aber sie kam so schnell sie konnte. Am Vormittag wollte die Physiotherapeutin mit mir arbeiten, aber ich war wieder zu erschöpft vom Trinken, mein Magen war einfach zu voll. Doch alle Schwestern loben mich, dass ich ein Vorzeigebaby bin. Sie nennen mich „Püppchen“ und sind begeistert, wie brav ich bin. Mama hofft nur, dass das zu Hause auch so bleibt und ich nicht so oft schreie. Mal schauen, wie es mir zu Hause gefällt! Leider habe ich oft Schluckauf und Bauchweh, vielleicht schlage ich meinen Bauch manchmal doch ein bisschen zu voll! Am Nachmittag wurde ich gegen den RS-Virus geimpft, der auf der Intensivstation aufgetreten ist. Alle Kinder dort wurden geimpft. Das hat mich gar nicht wirklich interessiert, ich habe einfach weitergeschlafen. Hoffentlich vertrage ich die Impfung gut und es treten keine Nebenwirkungen auf, damit ich morgen nach Hause kann. Am Abend wurde dann mein Wärmebettchen ausgeschaltet. Jetzt muss ich, wie zu Hause auch, meine Körpertemperatur selbst regulieren. Ich schaff das schon, schließlich habe ich zwei Pullis und Hosen und Socken an. Mama hat sich heute nochmals ganz viel Zeit für mich genommen und mit mir gekuschelt. Schließlich hat sie zu Hause nicht mehr so viel Ruhe und will auch viel Zeit mit Klara verbringen, die jetzt so lange auf Mama verzichten musste. Am Abend war ich aber schon so aufgeregt, dass mich Mama alle 1,5 Stunden stillen musste. Kaum war sie in ihrem Zimmer haben die Schwestern sie wieder angerufen. Ich bin einfach so durcheinander, weil es morgen nach Hause geht.Nur noch einmal schlafen und dann holt uns Papa ab. Mama und ich können es nicht mehr erwarten. Aber jetzt schaffen wir es auch noch.
Freitag, den 12.02.2010:
Heute ist der große Tag der Entlassung. Mama konnte vor lauter Aufregung kaum schlafen, gepackt hatte sie ja schon vor zwei Tagen. Aber mir ging es ähnlich. Ich hatte schon um 5 Uhr Hunger, so dass Mama von den Schwestern aus ihrem Bett geklingelt wurde. Doch bevor es etwas zu essen gab, durfte mich Mama alleine baden und wiegen, denn schließlich muss ich wohlriechend nach Hause kommen. Ja, und wie sich Mama es erhofft hat, habe ich heute mehr als 2300g gewogen, nämlich genau 2320g. Lang war ich weiterhin 47 cm und mein Kopfumfang beträgt 33cm. Beim Baden war ich ziemlich entspannt, denn Mama hat das wirklich gut gemacht. Anschließend war ich so hungrig, dass ich gleich mal 85ml getrunken. Als die Physiotherapeutin gegen 10 Uhr mit mir arbeiten wollte, war ich immer noch platt. Aber Mama konnte ihre vielen Fragen loswerden und fühlt sich jetzt richtig sicher, nach Hause zu gehen. Papa kam dann gegen 12 Uhr, obwohl er schon eher kommen wollte, aber Klara war zu Hause so anhänglich, dass er sie erstmal beruhigen musste. Sie spürt bestimmt, dass wir heute nach Hause kommen und ist schon ganz aufgeregt. Vielleicht hat sie bereits jetzt Angst, dass Mama und Papa nicht mehr so viel Zeit für sie haben, obwohl sie mich noch nicht einmal kennen gelernt hat. Hoffentlich kann ich ihr diese Angst nehmen. Nach dem Mittagessen, haben Mama und Papa schnell Mamas Zimmer im Wohnheim geräumt und dann hatten die beiden eine Reanimationseinweisung, damit sie wissen, wie sie reagieren müssen, wenn mein Überwachungsmonitor Alarm schlägt und ich z.B. nicht mehr atme. Daran schloss sich noch das Abschlussgespräch an und dann durften wir – eingepackt im Maxi Cosi – das Fürther Klinikum verlassen. Wie lange hatte sich Mama auf diesen Moment gefreut? Gegen 16 Uhr kamen wir dann in Roßtal an. Endlich sollte der Augenblick kommen, wo wir vereint als Familie aufeinander treffen. Papa, Mama, Klara und ich. Oma Marliese war auch da, um auf Klara aufzupassen, während Papa mich und Mama aus dem Krankenhaus abholte. Ich hatte mich schon so auf Klara gefreut, doch die Eifersucht auf mich ist leider groß. Hoffentlich wird es sich bald geben. Ich freu mich auf jeden Fall, zu Hause zu sein, auch wenn es hier viel lauter ist als auf der P1 und ich weniger zur Ruhe komme. Aber endlich konnte ich Klara kennenlernen und habe Papa wieder an meiner Seite. Die nächsten Tage werden bestimmt spannend werden, vor allem, weil Mama und Papa jetzt schon am Ende ihrer Kräfte und total übernächtigt sind. Zum Glück haben sie Unterstützung von Oma noch.












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